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Social Media für Vereine und Organisationen Vorsicht, ein Text mit mehr als 140 Zeichen!

Mühlheim an der Ruhr. Es ist Freitagnachmittag und die Sonne scheint. Auf der Suche nach Anregungen für unsere Vereinsarbeit fahre ich zum Seminar "Social Media für Vereine und Organisationen" von der Stiftung Mitarbeit.

Eigentlich gehöre ich nicht zur Zielgruppe der Veranstaltung. Ich bin weder ein Digital Native, noch besitze ich ein Smartphone. Nichtsdestotrotz finde ich die Umbrüche spannend. Ausdrücke wie Web 2.0. oder Social Web begleiten uns seit 2003 stetig, wobei der Begriff Web 2.0 durch den Begriff Social Media zunehmend abgelöst wird. Social Media ist die konkrete Anwendung basierend auf der Technologie (Web 2.0).

Das Tagungshotel "Die Wolfsburg" liegt auf einer Art Hügel, eingebettet in teure Häuser und eine malerische Landschaft. Ich ziehe meinen Koffer von der Haltestelle den Berg hinauf und überhole dabei einen Rucksacktouristen, den ich schon am Bahnhof in Duisburg gesehen habe. Es beruhigt mich irgendwie, dass die Welt trotz sozialer Netzwerke immer noch sehr klein ist. Auf dem Weg nach oben wäge ich die Möglichkeiten des Seminars ab. Ich bin hier, weil Duesseldorf-aktiv.net seinen Bekanntheitsgrad erhöhen möchte. Ich rechne mit Teilnehmern, die sich seit Jahren im Netz bewegen und sich in Blogs und Netzwerken permanent selbst zum Thema machen.

In ihrem Flyer verspricht die Stiftung Mitarbeit ein Methodentraining, um das Interesse für das Anliegen der Vereine zu wecken, um Kampagnen zu starten und um über das Internet Konzepte zu entwickeln. Die Organisation wurde 1963 gegründet und initiiert Projekte zur Stärkung der politischen Teilhabe, zur Integration und zur Stadtentwicklung. Darüber hinaus gibt es Veranstaltungsreihen und Workshops, insbesondere zum Thema Engagement und Beteiligung.

Beim ersten, gemeinsamen Abendessen unterhalte ich mich mit Holger und Nicola. Holger lässt sich zum "Bürger im Quartier" ausbilden. Nach seiner Qualifizierung ist er Ansprechpartner für Menschen in der Nachbarschaft, die Unterstützung benötigen. Es geht darum, sich solidarisch für die Nachbarn einzusetzen. Nicola arbeitet im Projekt "We heart family" am Thema Familienfreundlichkeit und -gerechtigkeit. Sie möchte in Deutschland für mehr Rückhalt der Familien sorgen und Synergien mit anderen Initiativen schaffen.

Nach dem Abendessen lernen wir unsere Referentin kennen. Sie heißt Bea, ist von Beruf Medienmanagerin und wirkt sympathisch und aufgeweckt. Zum Warm-up spielen wir in der Hotelhalle zwei Kennenlernspiele. Dazu gruppieren wir uns nach Alter und Wohnort. Das Ergebnis: Unsere sozioökonomische Gruppe besteht aus 18 Erwachsenen im Alter von 27 bis 50 Jahren, davon sind 1/3 männlich und 2/3 weiblich. Die Teilnehmer sind aus ganz Deutschland angereist, der Radius reicht von Berlin bis Offenburg.

Wir kehren in den Tagungsraum zurück. Beas Einstiegsfrage lautet: "Was ist das Web 2.0"? Unsere Diskussion kreist eine ganze Weile um Facebook und Twitter. Meine Sitznachbarin Monika bringt es schließlich auf den Punkt: Beim Thema Social Media geht es nicht nur um die Netzgiganten. Es sind lediglich die populärsten Beispiele aus einer Fülle von Möglichkeiten im World Wide Web. In Beas Präsentation veranschaulicht die Folie „Conversations in Social Media“ diesen Eindruck sehr deutlich. Der Werber und Internetexperte Brian Solis und die Datenvisualisierungs-Agentur JESS3 haben dort mehr als 100 verschiedene Anwendungen aus dem Web 2.0. zusammengestellt. Prominente Beispiele wie Xing, YouTube, Skype, Amazon und flickr sind darunter, aber auch viele mir unbekannte Dienste wie formspring, twitgoo und yiid.

Nach der zweistündigen Einführung setzten wir unser Gespräch an der Bar fort. Das Gros der Teilnehmer arbeitet für Vereine oder ist freiberuflich tätig. Ich höre zum ersten Mal von Organisationen wie cookita Kreative für Integration e.V., deutsche Tinnitus Liga oder Hoffnungsbaum e.V. Ich unterhalte mich mit Engelbert und Marita über die schönen und weniger schönen Seiten des sozialen Engagements. Engelbert entwickelt E-Learning Programme für Arbeitssuchende und Marita arbeitet beim Paritätischen Wohlfahrtsverband. Man merkt, dass es den Teilnehmern nicht um Selbstdarstellung, sondern um die Profession geht. Als ich zu Bett gehe, habe ich meine Befürchtung nicht in die Zielgruppe zu gehören, längst vergessen.

Am Samstag stoßen Mehmet und Ina dazu. Auf der Agenda steht das Thema „Social Media Strategie“. Bea sagt, dass man sich vorher wichtige Fragen stellen müsse: Was ist zum Beispiel unser Ziel? Welche Ressourcen benötigen wir dafür? Welche Zielgruppe wollen wir erreichen? Welche Inhalte können und möchten wir veröffentlichen? Und zu guter Letzt: Welche Kanäle wollen wir dafür nutzen? Ein Kanal könnte zum Beispiel Twitter sein - ein Onlinedienst für Kurzbotschaften von maximal 140 Zeichen. Wir bekommen eine Einführung in die Welt der Tweets und Hashtags, zu Deutsch Schlagwort. Bea zeigt uns Beispiele für Tweets (Gezwitscher). Darunter ist eine junge Frau, die tiefe Einblicke in ihr Seelenleben gewährt. Mehmet ist skeptisch. Er ist ein sympathischer Mann mittleren Alters, mit türkischem Akzent und einer offenen Ausstrahlung. Er wirkt, als habe er eine Mission. Er kommt von der Initiative Kidz – Kurs in die Zukunft und ist Leiter des Stadtteilbüros Altenessen. Er fragt nach dem Mehrwert solcher Mitteilungen und Bea reagiert gelassen. Sie scheint die Vorbehalte zu kennen. Sie sagt, dass sie die „Belanglosigkeiten“ der jungen Frau interessant fände und Mehmet schließlich selbst entscheiden könne, wem oder was er folge. Das nächste Seminar sollte „Sinnvoll twittern“ heißen, denke ich mir. Ich erkenne die Möglichkeiten dieses Mediums, gerade im ehrenamtlichen Bereich. Twitter kann eine wichtige Informationsquelle sein. Aber: „The medium is the message“ habe ich mal gelernt und bin mir nicht sicher, ob Duesseldorf-aktiv.net seine Adressaten mit 140 Zeichen sinnvoll ansprechen kann.

Am Ende des Vormittags ist auch über die Social Media Policy lebhaft diskutiert worden. Ein Gedankenaustausch, was man im Netz darf und was nicht. Viele Institutionen bewegen sich rechtlich in einer Grauzone. Die Auftritte der Vereine in sozialen Netzwerken sind auf die persönliche Interaktion ausgelegt und zeigen oftmals Fotos und Videos von deren Veranstaltungen, die dann weiterverbreitet werden. Personenbezogene Daten geraten dadurch in Umlauf. Bea rät uns innerhalb der Organisationen, Richtlinien für den Umgang mit Social Media Plattformen festzulegen. Den Vereinen sollte bewusst sein, dass es sich beim Thema Social Media um einen Lernprozess aus Beobachten, Ausprobieren und Anpassen handelt. Zusätzlich sollte man sich abstimmen, über welche Bereiche auf keinen Fall gesprochen werden soll und wie es zum Beispiel mit den Bildrechten aussieht.

Ina scheint sich in der virtuellen Welt besser auszukennen als wir und wirkt gelangweilt. Sie verabschiedet sich nach der Mittagspause. Die Hälfte der Zeit liegt bereits hinter uns, als wir nachmittags das Facebook Offlinespiel ausprobieren. Jeder Mitspieler bekommt einen Zettel. Erste Aufgabe: Profil anlegen. Ich suche mir ein Profilbild aus, überlege mir, wie alt ich bin, was ich im Fernsehen gucke und von welchem Verein ich Fan bin. Zweite Aufgabe: Freunde finden. Ich gucke mir die Profilzettel der anderen Mitspieler an, suche mir sympathische Profile aus und schreibe Freundschaftsanfragen auf bunte Klebezettel. Dritte Aufgabe: Möglichst viele Aktionskarten spielen. Mit jeder erfolgreich ausgeführten Aktion kann man Punkte sammeln und in der Statuspyramide aufsteigen. Alle Mitspieler spielen gleichzeitig und laufen hektisch im Raum auf und ab. Die Funktionen, die es online gibt, gibt es beim Offlinespiel auch, wie zum Beispiel Kommentare, Pinnwandeinträge, Gruppen gründen usw. Am Ende habe ich zehn Freunde, einige Kommentare auf meiner Pinnwand und dreizehn Punkte für erfolgreich ausgeführte Aktionen. Ich bin völlig erledigt. Der Wettbewerb um Anerkennung und sozialen Status ist offline noch mühseliger.

Abends erinnert die Stimmung an einen entspannten Kaffeeklatsch. Wir sprechen über unseren Werdegang, über Interessen und über die verschiedenen Initiativen. Wehmütig sehe ich dem letzten Vormittag entgegen.

Sonntagmorgen sitze ich beim Frühstück mit der Koordinatorin Eva-Maria zusammen. Sie hat eine wallende Mähne und ist fantasievoll, bunt gekleidet. Bei jedem Essen wird die Runde neu gemischt, es ist ein bisschen wie beim Speed Dating, nur ohne Dating. Wir sprechen über das Seminar, was uns gut gefallen hat und was wir davon umsetzen werden. Auf der Agenda stehen noch die Erfahrungen aus unserem Online-Alltag sowie der Ausblick.

Für den Ausblick bilden Silke vom Stadtteilprojekt Grumme und ich eine Gruppe. Sie hat sich vorgenommen eine Honorarkraft für den Social Media Auftritt einzustellen. Für Duesseldorf-aktiv.net finde ich die Idee eines Redaktionsplans sinnvoll. Des Weiteren nehme ich mir vor, nicht mehr nach dem Gießkannenprinzip vorzugehen, unsere Posts sinnvoll zu streuen und auf die Reaktionen der User einzugehen. Ich beabsichtige, mich mit Twitter auseinanderzusetzen und das Thema Spendenbutton in der Redaktion vorzustellen.

Meine Erwartungen bezüglich des Seminars sind übrigens mehr als übertroffen worden. Daumen hoch für die Stiftung Mitarbeit. Ich habe gelernt, dass man eine Haltung zum Thema Social Media haben oder sich zumindest Gedanken darüber machen sollte. Die Kommunikation in Social Media Kanälen ist vor allem eins: schnell. Nicht jeder Social Media Kanal eignet sich für jede Botschaft. Ein strukturierter Umgang mit Social Media sowie eine sichtbare Integration von Social Media Tools auf der eigenen Website sind wichtig. Unklar bleibt mir weiterhin, welche Erfolge durch die Netzwerkarbeit im bürgerschaftlichen Engagement erzielt werden können. Ich könnte mir vorstellen, dass die Vernetzung mit anderen Organisationen den meisten Erfolg bringt. Der Faktor Zeit spielt in dieser Hinsicht auch eine entscheidende Rolle. Social Media Tools sind sehr zeitintensiv, man muss schnell reagieren und gerade im Ehrenamt ist die Zeit begrenzt.

Ein paar Tage später erziele ich auf Facebook den ersten Erfolg. Eine Freundin empfiehlt mir die Seite „Zeit schenken“. Dazu verfasse ich auf Facebook einen Beitrag und verlinke ihn. Wir bekommen sehr viele Likes und sogar einige Kommentare – nicht schlecht für den Anfang.